Sternstunden der Einfältigkeit
Nun, dass die Politik alles andere als ein Tummelplatz für die Eliten unseres Landes ist, das mag man ja resignierend noch einigermaßen verkraften. Ich glaube ja das Gott dazu den Chantre erschaffen hat. Aber dass die Vögel uns tagtäglich mit einer Terminologie quälen müssen, angesichts derer eine Darmspiegelung getrost zur Rubrik Wellness gezählt werden darf, ist schier unerträglich.
Erinnern Sie sich noch an die Finanzkrise. Blöde Frage, natürlich. Irgendwie sind wir ja noch mittendrin. Noch viel schlimmer als die Krise selbst kommt wir das Wort vor, dass die Politik im Rahmen eines Maßnahmekatalog -auch ein selten bescheuerter Begriff, der irgendwo in der dritten Reihe des Plenarsaals entwickelt wurde – urplötzlich verwendet hat:
Der Instrumentenkasten.
Meine Fresse, dämlicher gehts nun wirklich nicht. Instrumentenkasten, auf einmal sprachen alle dieses lustige Wort aus, um einfältig zu beschreiben, was man so alles noch im Säckchen hat. Auf den zweiten Blick allerdings? Warum sollte ein Haufen von Politiker, der nach außen hin ein Bild abgibt, das in etwa dem einer betrunkenen Strassenkapelle der Heilsarmee entspricht, nicht auch das entsprechende Vokabular verwenden. Ja den Instrumentenkasten, warum nicht?
Wir wissen ja auch nicht was als nächstes kommt . Vielleicht der Malkasten , oder vielleicht werden die globalen Probleme ja künftig mit der Bauklötzchenkiste bekämpft?
Erinnern Sie sich noch an den letzten Bundestagswahlkampf? Da war auf einmal alles Fussball. Von Trainerwechsel, von Spielzeit und Tore schießen war die Rede. Stoiber hat das heute noch drauf. Er wolle der Ehrenspielführer in Bayern bleiben. Bemerkenswert allemal wie man die deutschen Schmuddelwörter Ehre und Führer mittlerweile leichtfertig zusammenpacken kann.
Immerhin scheint das Fussballvokabular zwischenzeitlich ausgedient zu haben, abgesehen vielleicht von der Formulierung “wir sind gut aufgestellt”, gut das könnte auch eine andere Herkunft haben. Ich will Sie jetzt mit Internierungslager und deren Appellplätze verschonen.
Weniger Bedeutung scheint das Wort Parteiausschluss zu haben. Außer innerhalb der SPD, hier wird ja rege davon Gebrauch gemacht. Ganz niedlich eigentlich wie man Widersacher und Andersdenkende verbal in Schach hält, immerhin verbirgt sich hinter dem kleinen Wörtchen ja fast soetwas wie politischer Stalinismus. Ich will Ihnen Ihre Frau Ypsilanti nicht nehmen.
Immerhin gibt es auch ein paar leuchtende Beispiele. Der Schröder zum Beispiel, das war ja fast sowas wie ein terminologischer Trendsetter. Jener kleine Schachtelsatz, der jeder Behauptung das Subjektive mit auf den Weg gegeben hat, ist auf dem besten Wege sich zum intellektuellen Standard zu entwickeln. Sie wissen was ich meine? Von diesem Einschub “wie ich finde”wird heutzutage landauf, landab Gebrauch gemacht. Das ist auch ganz schön, wie ich finde. Sogar die Merkel benutzt das jetzt. Ebenso glorreich dieser Begriff “Kakophonie”. Als er mit dem Wort die Genossen rüffelte, sind die meisten erstmal rausgerannt, nachschauen was es bedeutet. Hat aber mächtig beeindruckt.
Wie dem auch sei, der Regelfall sind die schlechten Formulierungen und jene, mit denen unschuldige Begriffe quasi exekutiert wurden. Gut wir wissen das heute, dass mit dem früher mal recht angenehmen Begriff “Reform” heutzutage der Griff in den Geldbeutel des gemeinen Bürgers gemeint ist, wir wissen auch , dass sobald der Ausdruck “Schutz” fällt, in Kürze irgendwas verboten wird.
Eine Redewendung, die mir regelmäßig bis in beide Hoden fährt, ist dieses “auf den Weg gebracht”. Ich habe da ein ganz merkwürdiges Bild im Kopf, dass ich letztens im Fernsehen gesehen hatte. Es ging dabei um ein Rennen mit ferngesteuerten Modellautos. Irgendwie fuhren die Dinger zwar schnell, aber recht unkontrolliert. Das Blöde war offennbar, dass die Vehikel in regelmäßigen Abständen die Piste verließen und Ihre Nasen in die Grünflächenböschungen bohrten. Eigens für diese Situationen hatte jedes Team eine Reihe von Helfern, die zum Unglücksort rannten und die kleinen Flitzer wieder auf die Bahn setzten. Man könnte das mit Fug und Recht als “auf den Weg gebracht” bezeichnen. Genauso stelle ich mir die allermeisten politischen Vorhaben vor, die so tagtäglich “auf den Weg gebracht werden”. Wir stellen die jetzt einfach mal auf die Piste und lassen das Ding abziehen, auch wenn wir nicht wissen ob es in drei Metern wieder in der Botanik landet. Genau genommen bedeutet es auch nichts anderes: Es wird irgendwas in Startposition -oder auf den Weg- gebracht und sich sich seinen weiteren Verlauf selbst. Alles andere als beruhigend – wie ich finde.
Ich frage mich immer wieder wer sich diesen verbalen Schwachsinn ausdenkt. Und ob es Absicht ist, mich neben schlechter Politik, auch sprachlich noch quälen zu müssen. Soll damit die Bevölkerung mürbe gemacht werden, sollen damit kritische Menschen gebrochen werden?
Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, dass wieder ein Haufen Scheiße auf uns zurollt, wenn mal wieder jemand das Wort “Handlungsbedarf” in den Mund nimmt. Höchste Zeit wieder ein Fläschchen Chantre aus dem Schränkchen zu holen. Prost.
