Nichts könnte die verweichlichte Gesellschaft besser symbolisieren als der Fahrradhelm. Schlimm genug, dass sich der Mitfünfziger in enge Radlerhosen quält um sich dem Aussehen einer Presswurst deutlich näher zu kommen, nein er setzt sich auch noch ein unförmiges Ding auf den Kopf. Mehr noch er scheint dieses Stück Designkotze fast noch mit Stolz zu tragen.
Natürlich könnte man unterstellen, er versuche zu unterstreichen, dass er beim Fahren Geschwindigkeiten erreicht, die sich mit denen von Alberto Contador durchaus messen lassen können. Ist aber nicht so, selbst die Motivation dafür in der Öffentlichkeit wie eine degenerierte Vogelscheuche rumzurennen scheint eine andere zu sein.
Man signalisiert damit: Ich bin einer der Guten. Ein politisch Korrekter, einer der Verantwortung für sich und letztlich auch für die Gesellschaft übernimmt. Ein Schutzbeauftragter und ein Schutzbefohlener gleichermaßen.
Tatsächlich war es Benjamin Franklin, der es einst formulierte:
Those who would give up essential liberty to purchase a little temporary safety, deserve neither liberty nor safety.
Wie auch immer, wir merken schon: Freiheit und Sicherheit vertragen sich kaum besser als als der Papst und ein feuchtfröhlicher gangbang. Wo die Sicherheit zunimmt oder zunehmen soll, ist die Freiheit der Leidtragende.
‚Eine einfache Geschichte’ argumentieren vornehmliche die Fahrradhelmträger: Die Freiheit des einen endet dort, wo die des anderen anfängt. Das ist natürlich nicht argumentiert, sondern meist –in verschiedenen Form- das Nachplappern einer Parole ohne jeglichen Tiefgang.
Tatsächlich ist dieses Zitat in seinem Ursprung –zumindest in sinngemäßer Form auf Kant zurück zu führen. Freilich wird das wild aus dem Zusammenhang gerissen und der vorangegangene Satz des großen Denkers unterschlagen, der da lautet:
Niemand kann mich zwingen, auf seine Art (wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt) glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt….
Es heißt auch nicht, die Freiheit endet dort wo die des anderen beginnt sondern:
……wenn er nur der Freiheit anderer, einem ähnlichen Zwecke nachzustreben, die mit der Freiheit von jedermann nach einem möglichen allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, (d.i. diesem Rechte des andern) nicht Abbruch tut.
Der entscheidende Punkt ist daher, die objektive –sofern es Objektivität überhaupt gibt- Prüfung ob die Rechte beider koexistieren können. Das zumindest erteilt all jenen eine deutliche Absage, die mit missionarischem Eifer eine Reduzierung der Komplexität anstreben, in dem in der Öffentlichkeit alles verboten wird, was man einem aus dem Privaten nicht geläufig ist. Und das ist freilich mittlerweile recht komplex geworden.
Einen Hinweis darauf welch verquerte Züge das mittlerweile bereits annehmen kann, fand ich in einer Reklamation an den Reiseveranstalter TUI:
Ein Mann forderte einen Nachlass auf eine Australien Reise. Er hatte versucht ein Krokodil zu streicheln, das Reptil hatte erstaunlicherweise nach ihm geschnappt, ihn jedoch zum Unglück für die Menschheit nicht erwischt. Die Forderung begründete sich darauf, dass der Reiseveranstalter es versäumt habe ihn ausreichend davor zu warnen.
Genau das dürfte den Nährboden darstellen für den ‚Handlungsbedarf der Gesetzgebung. Der Wiener Philosoph Robert Pfaller formuliert es in Anlehnung an den Satz von Hannah Arendt ‚niemand hat das Recht zu gehorchen’ entsprechend zeitgemäß:
‚Niemand hat das Recht ein kompletter Idiot zu sein, keine Regierung hat das Recht ihn als solchen zu behandeln’.
Kant wiederum formuliert es folgendermaßen:
Eine Regierung, die auf dem Prinzip des Wohlwollens gegen das Volk als eines Vaters gegen seine Kinder errichtet wäre, d.i. eine väterliche Regierung (imperium paternale), wo also die Untertanen als unmündige Kinder, die nicht unterscheiden können, was ihnen wahrhaftig nützlich oder schädlich ist, sich bloß passiv zu verhalten genötigt sind, um, wie sie glücklich sein sollen, bloß von dem Urteile des Staatsoberhaupts, und, daß dieser es auch wolle, bloß von seiner Gütigkeit zu erwarten: ist der größte denkbare Despotismus.
Unglücklicherweise orientieren sich die Herrschenden weder an Pfaller noch an Kant oder anderen großen Denkern, sondern formulieren munter in einem Stakkato neue Gesetze und Regulierungen, so unsinnig Sie auch sein mögen.
Hier geht es bisweilen schlicht um die eigenen Bedürfnisse. Die EU Kommissarin für das Ressort Justiz brachte es in einem Interview ganz einfach auf den Punkt: Es gibt für einen Juristen nichts Größeres als eigene Gesetze zu verfassen.
Mein Lieblingsbeispiel ist nach wie vor die Forderung der EU Parlamentarierin Nessa Childers, die flächendeckend Warnschilder vor Nebel aufstellen möchte.
Wie auch immer, mit jedem Gesetz, jeder neuen Verordnung, jeder Regulierung verlieren wir ein Stück Freiheit. Um diesen Makel einigermaßen zu kaschieren, bedienen wir uns eines Kunstkniffs: Wir tun so als ob die diese staatlichen Eingriffe gleichzeitig neue Freiheiten bringen. Zumindest verbal.
Wenn wir die bösen Substanzen aus den Lebensmitteln verbannen, nennen wir es fettfrei, alkoholfrei, kalorienfrei. Wenn wir Rauchverbote erlassen, nennen wir es die neue Rauchfreiheit und selbst wenn fanatische Sicherheitsmaßnahmen greifen sollen, dann dient das der Unfallfreiheit oder zumindest den terroristenfreien Zustände. Jedes Gesetz eine neue Freiheit!
Ein Bibelzitat lehrt uns: ‚Es ist Dir gesagt, Mensch was gut ist…’, es lehrt uns nicht was des Guten zuviel ist. In einem kürzlich in der New York Times erschienen und von der Welt aufgegriffenen Artikel beklagen sich Psychologen, dass die Verordnungen für amerikanische Spielplätze mittlerweile satte 64 Seiten umfasst, und im Sinne der Sicherheit haarklein die Details regelt wie beispielsweise der Sitz der Schaukel (Vollschale!) oder die homöopathische Neigung der Rutsche beschaffen sein muss. Was bedingungslos der Sicherheit dienlich ist, scheint hier an anderer Stelle große Probleme aufzuwerfen.
Straight down formuliert kann man sagen: es fehlt einfach der Kick. Psychologisch formuliert heißt das dann, es fehlen die emotionalen Mechanismen aus Angst („schaff ich das?“) und Stolz („geschafft!“), so dass die Wissenschaftler zum Schluss kommen, dass ein gebrochener Arm zwar schlimm, Defizite in der Entwicklung aber deutlich schlimmer sind.
Ein gutes Beispiel dafür sind –um zum Ursprung zurück zu kehren- Fahrradhelme.
Meine beste Freundin ist Ärztin und beklagt sich seit geraumer Zeit über das Sicherheitsaccessoire. Wenn die kleinen Plagen mit Ihren Fahrrädern behelmt zum Spielplatz donnern, mag das ja nachvollziehbar sein. Unglücklicherweise tragen die kleinen Scheißer den Helm dann dort auch während des Spielens und die Wahrscheinlichkeit dass sie damit irgendwo hängen bleiben und sich eine ernsthafte Kehlkopfverletzung zuziehen ist weitaus höher, als dass ein Stein vom Himmel fällt.
Aber vielleicht liegt die Zukunft ja auch in einer gesondert zu entwickelnden Halskrause. Da müsste sich nur mal ein EU Kommissar der Sache annehmen.





